Die Heilsgeschichte, die Menschwerdung Gottes und das Leben Jesu Christi sind so eng mit der Gottesmutter Maria verwoben, dass sich im Festkalender der Kirche zahlreiche Gedenktage finden, die an Maria erinnern – an ihre Empfängnis (8.12.), an ihre Geburt (8.9.), an ihre Aufnahme in den Himmel (15.8.), an ihre Entscheidung, sich dem Willen Gottes zu unterwerfen und damit die erste Christin zu werden (24.3.).
Obgleich wir aus der Bibel sehr wenig über Maria wissen, gibt es zahlreiche Versuche, ihr Wirken theologisch einzuordnen und damit Gottes Plan zu deuten. Es entsteht mitunter der Eindruck, das Brauchtum in katholischen Regionen und die Glaubenspraxis der Kirche stellten Maria ins Zentrum der Liturgie. Und das wird dann oft, gerade von evangelischen Christen, sehr kritisch gesehen, in der Meinung, damit verstelle der katholische Christ den Blick auf Jesus. Wer Maria ins Zentrum stellt, drängt Jesus an den Rand. So der Vorwurf.
Erstens stimmt das mit der vermeintlichen Akzentuierung so nicht, was sich oft schon in der Bauweise von katholischen Kirchen widerspiegelt, wo der Tabernakel mit dem eucharistischen Herrn am Hauptalter zu finden ist, der Marienaltar hingegen an der Seite, und zweitens ist die Betrachtung Mariens nicht so gemeint. Zum einen wird Maria zwar verehrt, aber nur Gott in seinen drei Personen wird angebetet. Zum anderen gilt: Wer auf Maria schaut, fokussiert immer auch Christus. Wir kommen durch Maria zu Christus, so wie Christus durch Maria zu uns gekommen ist. Denn Maria kann uns als entschiedene Christin Vorbild sein. Gerade heute.
Was bedeutet es heute, wie Maria zu sein? Marianisch zu leben bedeutet, Christus in die Welt zu bringen. In gewisser Weise immer wieder neu zu gebären, dort, wo er nicht mehr wahrgenommen wird. In eine Umgebung hineinzutragen, die von vielen neugierigen Hirten geprägt wird, von (wenigen) klugen und demütigen Pilgern und auch (immer noch) von einigen um ihre Position besorgten, neidischen Herodesen, die sich in ihrer überheblichen Selbstsucht und moralischen Verblendung nicht einmal scheuen, ihre Soldaten gegen die Schwächsten aufzuhetzen.
Wie Maria zu werden bedeutet, ein Angebot Gottes zu bejahen, das keine Ausstiegsklausel enthält. Es bedeutet konkret, in Demut bereit zu sein, sich ganz der Aufgaben anzunehmen, die Gott jedem von uns stellt. Und in Liebe stark zu sein, wenn es damit schwierig wird. Das Fest Mariä Geburt kann uns daran erinnern und uns dazu ermutigen.
(Josef Bordat)